Realismus im Universalienstreit

Der Universalienstreit ist eine Diskussion in der Philosophie, welche es schon seit der Antike gibt, und die bis heute geführt wird. Es geht darum herauszufinden, ob allgemeine (“universale”) Begriffe, wie ‘Menschheit’, ‘rot’, ‘gut’, ‘ein Pferd’ und dergleichen eine Wirklichkeit haben, oder nicht. Die eine Seite zählt sich in diesem Streit zu den ‘Realisten’, und die andere zu den ‘Nominalisten’.

Die Realisten sagen in diesem Streit, dass Begriffe etwas Wirkliches abbilden. Die Nominalisten sagen, dass Begriffe Konstrukte des Verstandes sind. Es ist seltsam, dass gerade der Realismus etwas vertreten soll, das Idee ist, aber so wurden die Begriffe damals leider zugeteilt.

Aus der Sicht der WA macht diese Zuteilung keinen Sinn. Der Idealismus hat nicht das Recht, zu untersuchen, ob ein Begriff etwas Reales an sich hat, oder etwa nicht, weil der Idealismus nicht angebracht ist, wo es um das Reale geht. Und das ist das Seltsame in diesem Streit, dass gerade der grundlegendste Begriff ‘Realismus’ falsch gebraucht wird, in einem Streit, wo es darum geht, wie wirklich Begriffe doch sind. Da wurde etwas umgestülpt, das die Diskussion von Grund auf manipuliert hat. Was damit genau gemeint ist, wollen wir im Folgenden kurz anschauen. Und dann wollen wir auch das Problem des Univeralienstreites mit einem klaren Gebrauch von Begriffen anschauen.

Der Idealismus ist die WA der Ideenwelt, und die Ideenwelt ist nicht die wirkliche Welt. Die wirkliche Welt ist nie alleine eine Idee, denn die wirkliche Welt ist Erscheinung, Geist, Mensch, Tier, Pflanze, Materie usw, alles zusammen. Es gibt da viele Dinge, welche für sich gesehen nicht Idee sind. Man kann dann schon vom Begriffe sprechen, aber wir wollen zuerst die Dinge unterscheiden, bevor wir sie zusammen tragen. Was der Begriff ist, wollen wir sogleich betrachten.

Da hat man überall Idee dazwischen, z.B. bei einer Brücke hat man viele Ideen dazu, z.B. wie sich etwas halten soll, wie sich etwas nutzen lassen soll, wie etwas andere Dinge verbinden soll, usw. Aber die Brücke selber ist nicht eine Idee. Es ist auch eine Idee, aber eine Idee alleine reicht nicht aus, um vor sich eine Brücke zu haben. Da kann ein genialer Erfinder oder Architekt die besten Pläne machen, ohne aber das Material, die Lieferung des Materials, das Werkzeug, die Arbeiter, die Zeit, die Planung – kurz: ohne den Aufwand hunderter Leute, wird diese Brücke niemals zustande kommen. Und da hat man einen Schritt zum Realismus, der gemacht werden muss, um irgendwas zu haben.

Es gibt viele Erfinder, welche die tollsten Ideen haben, um wichtige Probleme der Welt zu lösen. Weil solche Erfinder jedoch manchmal Idealisten sind, welche in ihrem Leben noch nicht zu Genüge gelernt haben, was es bedeutet, etwas tatsächlich zu erbauen, scheitern ihre Ideen oftmals am Wirklichen, wo man eben ausserhalb der Idee allerlei andere Dinge gebraucht. Und das hat nichts mit den Begriffen zu tun, die sie verwenden. Da kann einer die beste Idee haben, und die besten Begriffe dazu, solange er den Schritt zum wirklichen Realismus nicht macht, wird diese Idee das Papier oder die Sprache nie verlassen.

Was ist der wirkiche Realismus? Es ist dies der Realismus, wie ihn die WA verstehen. Der wirkliche Realismus untersucht, was Wirklichkeit ist. Er untersucht nicht als erstes, was Begriffe sind. Was genau Begriffe sind, das untersucht der Idealismus. Was ist das Wirkliche? Das Wirkliche, wie es der Mensch in der Welt erlebt, ist dasjenige, wo verschiedene Dinge zusammen finden, und auf eine Art zu Einem werden, das es fast schwierig macht, das Eine vom Anderen zu unterscheiden. So ist das Wirkliche zu gleichen Anteilen Geist wie auch Materie. In diesem Wirklichen finden sich jedoch auch Begriffe, die sich wohl eher zum Geistigen zählen lassen. Aber die Begriffe allein machen das Wirkliche nicht aus.

Man kann von der Materie sagen, dass sie wirklich sei, aber das ist falsch. Materie ist ohne Geistiges nicht. Ohne etwas Lebendiges, das die Materie wahrnehmen kann, hat man nicht Wirklichkeit, man hat nur Materie. Und selbst diese alleinige Materie, so würden der Spiritualismus sagen, gäbe es nicht, ohne Geistiges. Den Materialismus wird niemand verleugnen, aber ein jeder kann sehen, wie der Materialismus sich vom oben beschriebenen Wirklichen unterscheidet. Und so kann man auch von Ideen sprechen, man kann sagen: ja, es gibt Ideen, aber: das bedeutet nicht, dass sie gleichzeitig Wirklichkeit sein müssen.

Wenn nun der Idealist über die Idee spricht, so wird er natürlich sagen müssen, dass die Idee wirklich sei, sonst ist sein Studium der Ideen nicht mehr als eine weltfremde Träumerei. Es ist schliesslich nicht einfach, auf obiges Verständnis vom Realismus zu kommen, der sich aus verschiedenen Dingen zusammensetzt, und sich erst dadurch von anderem unterscheidet. Und wenn der Realist nun über die Begriffe sagen muss, ob sie real seien oder nicht, und er den wirklichen Realismus versteht, wie wir ihn verstehen, so muss er sagen: nein, Begriffe erfüllen nicht den Anspruch auf Realität, so wie ich die Realität sehe. Und so wird der Realist zum Nominalismus gezwungen. Und der Idealismus wird zu etwas gezwungen, was damals als Realismus bezeichnet wurde, aber praktisch das Gegenteil von Realismus war.

Geht man nun zu den Begriffen, und schaut sich die allgemeinen Begriffe an, wie ‘ein Pferd’, ‘Menschheit’ und dergleichen, so kann sollte man dies zusammenfassen als: Idee ist ‘wirklich Idee’, aber nur Wirklichkeit ist ‘wirklich Wirklichkeit’, weil Wirklichkeit mehr ist, als nur Idee. Umgekehrt kann Wirklichkeit nicht Idee sein. Idee kann Teil von Wirklichkeit sein, und Wirklichkeit kann Idee teilhaft haben. Und beide können Wahrheit sein, aber nur eines kann Wirklichkeit sein.

Die Idealisten haben einen Taschenspielertrick ausgeführt: sie haben den Begriff ihres Gegenteils für sich genommen, und dadurch alles umdrehen können. Und durch diese Verwirrung wurde es ihnen möglich, eine Diskussion anzuregen, die sonst niemals stattgefunden hätte. Dreht man diese Verdrehung der Begriffe wieder in ihre rechtmässige Position zurück, so kommt man auf Folgendes. Nennt man die damaligen Nominalisten stattdessen Realisten, und ihr Verständnis von der Welt Realismus, so gehört der allgemeine Begriff dazu, ohne den ganzen Realismus darzustellen. Und nennt man die damaligen Realisten stattdessen Idealisten, und ihr Verständnis von der Welt Idealismus, so ist ihnen der Begriff wirklich Idee, ohne den Anspruch darauf zu haben, wirklich Wirklichkeit zu sein.

So viel zum Universalienproblem.

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